Für die Beurteilung des Klimas und insbesondere für die Analyse des Windfeldes wäre ein Messnetz wünschenswert, bei dem jede einzelne Station Messwerte liefert, die repräsentativ für eine genau definierte Umgebung sind. Es lässt sich jedoch weder von der theoretischen Seite her für alle natürlich vorkommenden Geländeformen auf einfache Weise der Einflussradius genau angeben, noch ist es möglich, Messungen nach einheitlichen Regeln über mehrere Jahrzehnte durchzuführen. Selbst wenn eine Messstation zu Beginn der Messungen optimal ausgewählt worden ist, wird sie oft im Laufe weniger Jahre durch Ausweitung der Bebauung in der Umgebung, durch höher werdende Baumbestände oder durch Strassenbaumassnahmen (Brücken, Dämme) Störeinflüssen ausgesetzt. Dann bleibt es oft nicht aus, dass der Messstandort verlegt werden muss. Die diesem Abschnitt zugrundeliegenden Messdaten stellen daher in strengem Sinne keine homogene Datengrundlage dar. Es ist jedoch gelungen, die an einer grösseren Zahl von Stationen gewonnenen Messdaten zusammenzustellen. Hierdurch kann trotz der hohen räumlichen und zeitlichen Variabilität des Windfeldes die Systematik des Strömungsfeldes in Abhängigkeit von der Geländeform erarbeitet werden.
In Tabelle 4.5.1 ist das Verzeichnis der für die Analyse herangezogenen Windmessstationen angegeben. Neben dem Namen und den geographischen Koordinaten der Station sind darin die Stationshöhe sowie die Messhöhe über Grund aufgeführt. Zusätzlich sind Angaben über die Dauer der Messreihe und das Zeitintervall enthalten, in dem die einzelnen Mittelwerte von Windgeschwindigkeit und Windrichtung erfasst werden, und die Windrichtungsklassen, die in den Karten 4.5.1 bis 4.5.13 verwendet worden sind.
Aus der Tabelle wird sofort deutlich, dass sowohl die Messhöhe über Grund als auch die Messperiode und das Mittelungsintervall für die einzelnen Stationen sich erheblich unterscheiden.
Zur Bearbeitung standen zwei Möglichkeiten zur Verfügung:
- eine strenge von der theoretischen Seite geforderte Homogenisierung der Messdaten vorzunehmen,
- alle Messdaten, soweit sie eine bestimmte Mindestlänge der Aufzeichnung umfassen, in die Analyse mit aufzunehmen.
Da die Erfahrung zeigt, dass in Gebieten mit starkem orographischem Einfluss die wichtigsten Zusammenhänge bereits aus einer mindestens einjährigen Messreihe erkennbar sind, ist von der zweiten Möglichkeit Gebrauch gemacht worden. Es sind damit die Nachteile, die sich aus einer Zusammenstellung von Winddaten aus unterschiedlichen Messhöhen, aus unterschiedlichen Zeiträumen und mit unterschiedlicher Mittelbildung ergeben, bewusst in Kauf genommen worden. Im ersten Fall hätte eine Reihe von Umrechnungen vorgenommen werden müssen, z.B. eine Umrechnung der Windgeschwindigkeit auf eine einheitliche Referenzhöhe von 10 m über Grund. Hierzu wäre es wegen mangelnder Information über die im Tagesverlauf variierende thermische Schichtung notwendig gewesen, von einem neutralen (logarithmischen) Windprofil auszugehen. Zusätzlich hätten aerodynamische Rauhigkeitswerte des Untergrundes abgeschätzt und Einflüsse der Geländeform bezüglich einer möglichen Geschwindigkeitsüberhöhung berücksichtigt werden müssen.
Da auch weitere Einflüsse wie Bewuchsverhältnisse und Gebäudeanordnungen in der weiteren Umgebung eine Rolle spielen und nur schwer korrigierbar sind, wurde von einer mit einer Fülle von theoretischen bzw. empirischen Annahmen befrachteten Korrektur insgesamt Abstand genommen. Stattdessen wurde einer möglichst vollständigen Dokumentation, wo, wie und wann die Messwerte erfasst worden sind, der Vorzug gegeben.
Über ideal ebenem Gelände folgt die Veränderung der Windgeschwindigkeit mit der Höhe bis etwa 50 m über Grund bei neutraler thermischer Schichtung dem logarithmischen Gesetz:
[4.4]
Hierbei ist z die Messhöhe über Grund, z0 die vom Bewuchs abhängige aerodynamische Rauhigkeit des Untergrundes, k = 0,4 die von Karman Konstante und u* die Schubspannungsgeschwindigkeit, zusätzlich muss bei bewachsenem Untergrund die Verdrängungshöhe d berücksichtigt werden.
Bei thermisch geschichteter Luft müssen zusätzlich noch Stabilitätsfunktionen berücksichtigt werden:
[4.5]
Diese Stabilitätsfunktionen sind durch aufwendige Feldexperimente bestimmt worden. Neben der Messhöhe z hängen sie von der MoninObuchow-Länge ab.
[4.6]
Diese Länge enthält neben dem Auftriebsfaktor g/T0 (g = Erdbeschleunigung, Ta = Referenztemperatur = 288 K) insbesondere den vertikalen turbulenten Fluss fühlbarer Wärme w'T'.
Kennzeichnend für das Verhalten des Windes bei neutraler Schichtung ist, dass bei einer Verdopplung der Messhöhen die Geschwindigkeit jeweils um den gleichen Betrag zunimmt. Wenn beispielsweise die Windgeschwindigkeit von z1 = 0,5 m bis z2 = 1 m um 0,5 m s-1 zunimmt, so ergibt sich die gleiche Zunahme
[4.7]
bei einer Wahl der Höhen z1 = 1 m, z2 = 2 m oder z1 = 32 m und z2 = 64 m.
In Figur 4.5.1 ist der schematische Verlauf der Windgeschwindigkeit als Funktion der Höhe z dargestellt. Im Vergleich dazu ist das am 200 m hohen Messmast des Forschungszentrums Karlsruhe gemessene vertikale Profil vom 3.2.1990 dargestellt. Dieses Profil wurde während einer extremen Sturmsituation zu Beginn des Jahres 1990 beobachtet. Aus der Kenntnis eines solchen Profils lässt sich aus der Steigung der Geraden die Schubspannungsgeschwindigkeit u* und aus dem Ordinatenabschnitt für u = 0 die aerodynamische Rauhigkeit z0 ablesen. Bei Vorgabe eines Schätzwertes der Rauhigkeitslänge z0 kann man unter Zugrundelegung eines logarithmischen Profils aus einer in der Höhe z gemessenen Windgeschwindigkeit die Werte für alle anderen Messhöhen umrechnen. Dieses Gesetz gilt nur bei Vorliegen eines ebenen und homogen bewachsenen Geländes bis zu einer Höhe von etwa 50 m bis 100 m über Grund. Für andere Bedingungen kann diese Gesetzmässigkeit nur für die Gewinnung erster Schätzwerte verwendet werden. Um solche Schätzwerte aus den gemessenen Werten ermitteln zu können, ist in Figur 4.5.2 der Zusammenhang von aerodynamischer Rauhigkeit und Art der Bodenunterlage angegeben.
Fig. 4.5.1: Vergleich des schematischen Verlaufs der Windgeschwindigkeit als Funktion der Höhe mit dem am 200 m hohen Messmast des Forschungszentrums Karlsruhe am 3.2.1990 um 19.00 UTC gemessenen Profil.
Die unterschiedliche Ausgangsbasis bezüglich der verfügbaren Datengrundlage macht sich auch dadurch bemerkbar, dass bei der statistischen Analyse für die Windrichtungssektoren keine einheitliche Aufteilung vorgenommen werden konnte. Wie aus der Tabelle 4.5.1 zu ersehen ist, wurde für die überwiegende Zahl der Stationen eine Aufteilung in 10 °-Richtungsklassen gewählt. Für eine Reihe der Stationen musste die Aufteilung in 30 °-Sektoren (12-teilige Windrose), in einigen wenigen weiteren Fällen in 20°-Sektoren in Kauf genommen werden. Die unterschiedliche Ausgangssituation ist jeweils durch unterschiedliche Farbgebung für die Häufigkeitskreise in den Karten 4.5.1 bis 4.5.13 kenntlich gemacht worden.
Fig. 4.5.2: Aerodynamische Rauhigkeit verschiedener Oberflächen (nach
GEIGER 1961).
Tab. 4.5.1: Stationen der Windmessung.
