Die zunehmende Nutzung solarer Energie in Technik und Industrie an unterschiedlichen Orten sowie die Schätzung der Energiebilanz an der Bodenoberfläche für die Wasser-, Agrar- und Forstwirtschaft verlangen eine flächenhafte Darstellung des Angebots an solarer Strahlung auf die horizontale Empfangsebene im regionalen und lokalen Massstab. Die Solarstrahlung auf die geneigte Ebene kann leicht aus der horizontalen Einstrahlung berechnet werden, sofern diese horizontale Einstrahlung bekannt ist. Die Praxis zeigt jedoch immer wieder, dass für Orte oder Gebiete für die Informationen über die solare Strahlung gewünscht werden oft keine Messungen vorliegen. Zur Abschätzung der Strahlungsverhältnisse kann in einem solchen Falle nur die Anwendung von Strahlungssimulationsmodellen weiterhelfen. Die Güte dieser oft auch komplexen Modelle hängt wiederum von der Genauigkeit der Eingangsdaten ab. Da es aber aus wirtschaftlichen Gründen nicht vertretbar ist, die Messnetzdichte beliebig zu vergrössern, ist es sinnvoll, mit Hilfe objektiver, numerischer Verfahren die Solarstrahlung an beliebigen Zwischenpunkten des Messnetzes zu interpolieren und flächenhaft darzustellen. Diese Verfahren ersetzen die manuellen, subjektiven Methoden, mit denen früher Klimakarten, wie zum Beispiel die Karten der Sonnenscheindauerim Klimaatlas von Baden-Württemberg (DEUTSCHER WETTERDIENST 1953), erstellt wurden. Neben der räumlichen ist auch die zeitliche Variabilität von Interesse. Sie wird in sogenannten Tages- und Jahreszeitdiagrammen dargestellt.
Als solare Strahlungsgrösse wird in diesem Atlas die Globalstrahlung, d.h. die Summe aus direkter Sonnenstrahlung und diffuser Himmelsstrahlung auf der Basis von mittleren monatlichen Tagessummen dargestellt. Als weitere meteorologische Grösse wird die in gleicher Weise gemittelte Sonnenscheindauer verwendet. Da die Globalstrahlung in erster Näherung in einem linearen Zusammenhang zu dieser Grösse steht und deren Messnetz wesentlich dichter als das der Globalstrahlung ist, wird die Sonnenscheindauer auch als Hilfsinformation benutzt, um die Daten des relativ weiten Messnetzes der Globalstrahlung zu verdichten. Dies geschieht durch zwei statistische Verfahren auf die im Kapitel 4.6.2 näher eingegangen wird.
Für den Wärmehaushalt der Erde spielen Strahlungsflüsse verschiedener Wellenlängen des elektromagnetischen Spektrums und unterschiedlicher Ausbreitungsrichtung eine Rolle:
Die Strahlungsenergiequelle für alle meteorologischen Prozesse ist das Sonnenlicht im Wellenlängenbereich zwischen 0,3 µm und 3,0 µm. Diese Strahlung wird auch als solare, kurzwellige Einstrahlung (G) bezeichnet. Als Globalstrahlung, d.h. bezogen auf eine horizontal exponierte Empfängerfläche, ist sie eine meteorologische Messgrösse, die in den Karten 4.6.1 bis 4.6.4gesondert dargestellt ist.
An der Erdoberfläche wird die solare, kurzwellige Strahlung unterschiedlich reflektiert. Diese kurzwellige Reflexion (R) ist eine Verlustgrösse für den Strahlungshaushalt. Das Verhältnis von reflektierter kurzwelliger Strahlung zu kurzwelliger Einstrahlung bezeichnet man als Albedo. Sie kann sich je nach Oberflächentyp tageszeitlich und jahreszeitlich verändern.
Auch die Atmosphäre emittiert elektromagnetische Strahlung. Im Gegensatz zum Sonnenlicht ist diese Emission jedoch langwellig und umfasst den Wellenlängenbereich zwischen 3 µm und 60µm mit einem Intensitätsmaximum bei ca. 10 µm. Die Emission in den oberen Halbraum bedeutet einen Strahlungsenergieverlust in den Weltraum, der für das Klima wichtig ist, um die Zufuhr der Strahlungsenergie durch das Sonnenlicht zu balancieren. Der Anteil der Strahlung in den unteren Halbraum, d.h. in Richtung Erdoberfläche, wird atmosphärische Wärmestrahlung oder auch Gegenstrahlung (A) genannt. Die atmosphärische Gegenstrahlung wird massgeblich durch die Temperatur, den Wasserdampfgehalt, die Treibhausgase und durch die Aerosole bestimmt. Aerosole sind kleinste, in der Luft schwebende feste oder flüssige Partikel.
Die Erdoberfläche emittiert ebenfalls im langwelligen Wellenlängenbereich elektromagnetische Strahlung. Die Wärmestrahlung der Erdoberfläche wird auch terrestrische Emission (E) genannt und wird nach dem Gesetz von Stefan-Boltzmann durch die Oberflächentemperatur der emittierenden Fläche bestimmt. Die terrestrische Emission besitzt eine sehr grosse zeitliche und räumliche Variabilität, die mit einem bodengestützten Messnetz nicht erfasst werden kann. Nur mit Satellitendaten lässt sich diese Strahlung flächendeckend bestimmen.
Für die Betrachtung des Gesamtstrahlungshaushaltes sind also je zwei Strahlungsflüsse unterschiedlicher Wellenlänge (kurz- und langwellig) und Richtung (zur Erdoberfläche hin-, von der Erdoberfläche weggerichtet) von Bedeutung. Die beiden von der Erdoberfläche weggerichteten Flüsse stellen Verlustgrössen (-), die zur Fläche gerichteten Flüsse Gewinngrössen (+) für eine Bilanzierung dar. Die Summe der verschiedenen Strahlungsflüsse heisst Strahlungsbilanz (Q). Sie regelt entscheidend den Wärmehaushalt, d.h. die zur Verfügung stehende Energie für die turbulenten Austauschprozesse (fühlbarer und latenter Wärmestrom) und den Bodenwärmestrom. Die Strahlungsbilanz lässt sich in folgender Weise schreiben:
Q = G - R + A - E
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Sie kann Werte > 0, = 0 oder 0 annehmen. Bei positiver Strahlungsbilanz steht Energie für die Erhöhung der Lufttemperatur (fühlbarer Wärmestrom), die Verdunstung (latenter Wärmestrom) oder die Erhöhung der Bodentemperaturen (Bodenwärmestrom) zur Verfügung. Bei negativer Strahlungsbilanz reagiert das System mit Temperaturabsenkung (Luft, Boden) und Kondensation (z.B. Taubildung an der Erdoberfläche oder Nebelbildung). Die Strahlungsbilanz besitzt eine Schlüsselfunktion für alle meteorologischen Prozesse und die regionale Klimadifferenzierung. Sie wird jedoch im Rahmen der offiziellen meteorologischen Messnetze nur sehr selten gemessen, so dass keine räumliche Differenzierung auf der Basis der vorhandenen Messdaten möglich ist. Die zeitliche Veränderung der Strahlungsbilanz und ihrer Komponenten wird daher anhand einer langjährigen Zeitreihe der Messstation Hartheim dargestellt. Um den Einfluss von Relief und Landnutzung auf die räumliche Differenzierung der Strahlungsbilanz aufzuzeigen, ist für eine Einzelsituation die Strahlungsbilanz im REKLIP-Gebiet beispielhaft unter Verwendung von Satellitendaten und Strahlungsmodellen erarbeitet worden.