Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten besteht gegenwärtig ein wesentlich grösserer Bedarf an klimatologischen Informationen. Es werden sogar häufig Details über die klimatischen Bedingungen, besonders in bezug auf die räumliche und zeitliche Auflösung, gewünscht, die aufgrund der verfügbaren Datenbasis nur schwer oder gelegentlich überhaupt nicht geliefert werden können.
Um so mehr ist es erforderlich, alle Anstrengungen zu unternehmen, die in verschiedenen Quellen vorhandenen Klimainformationen zusammenzutragen, sie nach einheitlichen Methoden zu bearbeiten, zu analysieren und zu interpretieren.
Das im Rahmen der »Europäischen Konföderation der Oberrheinischen Universitäten« (EUCOR) entstandene Forschungsprojekt »REgio-KLIma-Projekt (REKLIP)« hat sich zum Ziel gesetzt, die geographisch zwar eine Einheit bildende, aber durch Landesgrenzen in drei politische Bereiche aufgeteilte Region des Oberrheingrabens nach einheitlichen Gesichtspunkten klimatisch zu analysieren. In Figur 1.1 sind die an dem Vorhaben beteiligten Institutionen zusammengestellt.
Der Oberrheingraben mit seinen Randgebirgen, den Vogesen im Westen, dem Schwarzwald im Osten und dem Schweizer Jura im Süden (siehe Karte 1), stellt im europäischen Raum eine geographisch herausragende Struktur dar, die historisch stets ein besonders bevorzugtes Siedlungsgebiet bildete. In der jüngeren Geschichte ist in dieser Region zwischen Karlsruhe im Norden und Basel im Süden eine rasante industrielle Entwicklung abgelaufen, bei der sich eine beträchtliche Umwandlung der Landnutzung von agrarischen bzw. forstlichen hin zu städtischen und industriellen Nutzungen vollzogen hat. Der Oberrheingraben stellt ebenfalls wegen seiner besonderen geographischen Struktur eine wichtige Verkehrsverbindung in nord-südlicher Richtung im Zentrum von Europa dar. Verkehrsverbindungen für den Auto- und Schienenverkehr erfahren gerade gegenwärtig einen stärkeren Ausbau, durch den wiederum fortschreitende Umweltbelastungen hervorgerufen werden. Diese Umweltbelastungen bewirken einerseits schleichende, in einer Dekade von Jahren kaum quantifizierbare Veränderungen, andererseits enthalten sie auch kurzzeitige, aber um so gefährlicher wirkende Komponenten in Form von Störfallen bei industriellen Prozessabläufen oder beim Transport gefährlicher Stoffe auf Strasse und Schiene. Die schleichende Veränderung kann in vielen Ballungsgebieten in dem deutlichen Rückgang der Sichtweite, der sich über mehrere Jahrzehnte hinweg vollzogen hat, festgestellt werden (siehe GASSMANN 1985).
Gerade weil die vielfältigen Massnahmen der Landes-, Regional- und Siedlungsplanung zu Entscheidungen führen, die irreversibel sind oder zumindest für einen Zeitraum von Jahrhunderten Gültigkeit behalten, ist es um so notwendiger, auf die wichtigen natürlichen Prozesse, die die klimatischen Bedingungen einer Region bestimmen, Rücksicht zu nehmen. Überall dort, wo in dem extrem vernetzten natürlichen System zu starke Eingriffe an einer Stelle vorgenommen werden, hat es weitreichende, oft erst nach längeren Zeiträumen erkennbare Konsequenzen. Es muss daher als oberstes Prinzip gelten, bei der Gestaltung des menschlichen Lebensraums die Summe der Veränderungen der natürlich ablaufenden Prozesse zu minimieren.
Als Klima wird der mittlere Zustand der Atmosphäre bezogen auf einen bestimmten Raum und auf eine bestimmte Zeit bezeichnet. Die klassische Klimatologie verwendet zur Beschreibung des Klimas langzeitige Mittelwerte der Zustandsvariablen, die an einem Ort gemessen werden, die Häufigkeit des Auftretens extremer Ereignisse und andere statistische Kenngrössen der Klimavariablen.
Als wichtigste Zustandsvariablen werden die Lufttemperatur, die Luftfeuchte, die Windgeschwindigkeit, die Windrichtung, der Niederschlag, die Sonnenscheindauer, die Globalstrahlung, die Bewölkung, der Nebel, die Sichtweite und die Gewitterhäufigkeit betrachtet. Diese physikalischen Zustandsvariablen werden in der Klimatologie als Klimaelemente bezeichnet. Zusätzlich zu den physikalischen Zustandsvariablen sind auch die chemischen Zustandsvariablen wie z.B. der Aerosolgehalt oder die Ozonkonzentration in den Vordergrund des Interesses gerückt. Die chemischen Zustandsvariablen, d.h. die Konzentrationen, in denen die Bestandteile der Luft oder die Komponenten der luftverunreinigenden Stoffe auftreten, werden zum Gebiet der Luftverunreinigung gezählt. Klimatologisch relevant sind die chemischen Zustandsvariablen nur dann, wenn aufgrund ihrer Eigenschaften wie Reflexions-, Streu- und Absorptionsvermögen die physikalischen Zustandsvariablen wie beispielsweise die Temperatur, die Luftfeuchte, die Sichtweite oder der Niederschlag dadurch beeinflusst werden. Ohne diese rückkoppelnden Einflüsse stellen die chemischen Zustandsvariablen eine Fragestellung der Lufthygiene, der Luftreinhaltung oder der Gesundheit dar.
Unter dem Regionalklima versteht man den mittleren atmosphärischen Zustand in horizontalen Bereichen zwischen 2 km und 2000 km. Für diese begrenzten Räume ist einesteils entscheidend, wie die übergeordneten, grossräumigen Bedingungen in Form der allgemeinen atmosphärischen Zirkulation wirksam sind. Andernteils wird eine starke räumliche Differenzierung des Klimas durch die Geländegestalt und durch die Landnutzung in einer Region bewirkt. Bei den Einflüssen, die von der Geländegestalt herrühren, kann einesteils von einer Nahwirkung, andernteils von einer Fernwirkung gesprochen werden. Für die Nahwirkung sind vor allem die direkt an die Geländegestalt gekoppelten Prozesse wie beispielsweise Hangauf- und -abwinde, Konvektion über den Bergkuppen oder die differentielle Strahlungsaufnahme aufgrund unterschiedlicher Hangneigung und -exposition verantwortlich. Zur Fernwirkung sind solche Phänomene zu zählen, die erst wie bei Wind- oder Niederschlagsschattenzonen in grösserer Entfernung von der auslösenden Geländestruktur in Erscheinung treten.
Fig. 1.1: Institute, die mit ihren Forschergruppen am Regio-Klima-Projekt (REKLIP) teilnehmen.
Das hier vorliegende Untersuchungsgebiet ist besonders durch seine topographische Struktur gekennzeichnet. In der Mitte des Rheingrabens liegt das Gelände nur wenig mehr als 100 m über dem Meeresspiegel, die berandenden Gebirge erreichen an den höchsten Stellen über 1400 m. Eine statistische Verteilung der Geländehöhen ist auf der Basis einer horizontalen Auflösung von 250 m in Figur 1.2 wiedergegeben. Es ist erkennbar, dass die Höhenbereiche um 240 m und um 450 m besonders häufig vertreten sind.
Zu Teilregionen des betrachteten Gebiets liegen aus früheren Jahren zahlreiche Untersuchungen vor. So ist beispielsweise eine detaillierte Analyse der wichtigsten Klimavariablen für das Gebiet des Elsass in »L' Atmosphère en Alsace« (METEOROLOGIE NATIONALE 1976) enthalten. Diese Arbeiten konzentrieren sich jedoch im wesentlichen auf die französischen Anteile des Rheingrabens. Das Analogon findet man im Klimaatlas für Baden-Württemberg (DEUTSCHER WETTERDIENST 1953), dessen Analyse des Klimas im Oberrheingraben ebenfalls am Rhein endet. Zudem stammt diese Analyse aus Zeiten, in der einerseits der atmosphärischen Umwelt noch nicht so viel Aufmerksamkeit beigemessen wurde und andererseits moderne Datenquellen wie Satellitendaten oder Methoden wie Simulationsmodelle noch weitgehend fehlten.
Fig. 1.2: Statistische Verteilung der Geländehöhen im Untersuchungsgebiet (Auflösung 250 m).
Für den Bereich Regionalklimatologie ist die Umsetzung der von der Sonne zugestrahlten Energie und der von den überlagerten, grossräumigen Strömungen herantransportierten Energie von ausschlaggebendem Interesse. Hierdurch werden entscheidende und typische Abläufe auch im langzeitigen Mittel, z.B. der Tagesgang oder der Jahresgang einzelner Klimaelemente, geprägt. Gerade weil für viele Bereiche wie beispielsweise die Pflanzenwelt, der Tagesrhythmus einen besonders wichtigen Einflussfaktor darstellt, bilden solche Informationen über die Klimaelemente in der Bewertung klimatischer Einflüsse für die Ökologie eine fundamentale Grundlage.
Der Klimaatlas »Oberrhein Mitte-Süd« stellt die wichtigsten Klimaelemente in der flächenhaften Differenzierung und teils in der zeitlichen Auflösung bis zu mittleren Tagesgängen einzelner Monate dar, soweit es die Beobachtungen aus den Messnetzen verschiedener Betreiber wie Wetterdienste, Landesanstalten für Umweltschutz, Energieversorgungsunternehmen, Forschungsinstitutionen oder anderer privater Betreiber erlauben.